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„Medizin aus dem Weltraum soll Wunder wirken können“

„Medizin aus dem Weltraum soll Wunder wirken können“

Ein Mediziner erklärt auf einer Pressekonferenz in seiner Praxis, dass er mit alternativmedizinischen Therapien nahezu jede Krankheit heilen könne. Der Beitrag darüber lässt jede kritische Auseinandersetzung mit den Aussagen des Arztes vermissen.

Zusammenfassung

Wenn ein Arzt behauptet, er könne mit seinen Therapien aus der Raumfahrtmedizin nahezu jede Zivilisationskrankheit heilen, sollte dies einen Journalisten eigentlich sofort misstrauisch machen. Im vorliegenden Beitrag indes gibt es zwar vereinzelte Stellen im Text, die eine gewisse Skepsis andeuten, aber mehr hat er seinen Lesern nicht zu bieten. Der Artikel gibt lediglich wieder, was der alternativmedizinische Arzt auf der Pressekonferenz in seiner Praxis –­ einer Werbeveranstaltung gleich ­– erzählt. Kritisches Nachfragen, Überprüfung der Heilsversprechen, Einordnung durch unabhängige Mediziner finden nicht statt. Verweise auf russische Raumfahrtmedizin werden dem Leser ohne jede Einordnung präsentiert. Welche Kosten auf Patienten zukommen, erfahren die Leser ebenfalls nicht.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Mit den nicht näher beschriebenen Therapien des Mediziners könne man, so zitiert ihn der Artikel, „nahezu jede Zivilisationskrankheit binnen kurzer Zeit zum Stillstand ausheilen.“ Eine beeindruckende Liste gänzlich unbelegter Behauptungen von angeblichen Heilungen folgt: „Bei Zuckerkranken sei schon nach sechs Wochen kein Diabetes mehr nachweisbar gewesen; Manager mit Burn-out-Syndrom hätten sich bereits nach drei Monaten komplett erholt; von 320 Bluthochdruckpatienten hätte nach 90 Tagen keiner mehr Medikamente benötigt; Krebsgeschwüre seien zum Stillstand gekommen, Epilepsiekranke geheilt und Allergien beseitigt worden.“ Verweise auf Studien, in denen diese Heilungen genauer beschrieben und quantifiziert sind, werden nicht präsentiert (siehe Kriterium Qualität der Belege). Was genau bei welcher Krankheit unternommen wurde, wird ebenfalls nicht klar. Die Behauptungen des medizinischen Nutzens stehen damit völlig isoliert im Raum und es ist nicht mal klar, ob die angepriesenen Erfolge, so sie denn tatsächlich stattgefunden haben, auf die Therapien zurückzuführen sind.

Mit den Verfahren sei es zudem möglich, Krankheiten zu erkennen, bevor sie ausbrechen. Typische Angaben zu solchen Vorsorgeuntersuchungen – wie etwa zur Treffsicherheit der Tests (Sensitivität und Spezifität) – gibt es keine, auch nicht exemplarisch.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Welche Risiken und Nebenwirkungen die Verfahren haben wird nicht erklärt.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Außergewöhnliche Behauptungen verlangen nach außergewöhnlich guten Belegen. Ob es aber unabhängige, überprüfbare Belege – etwa in begutachteten Fachmagazin – gibt, wird im Beitrag nicht erklärt. Statt Evidenz (nachvollziehbare Belege) gib es nur Hinweise auf Eminenz (also den Verweis auf einzelne Personen als „Kronzeugen“) und Einzelfälle als Argument für die Wirksamkeit der Therapie– etwa die angeführten Versuche mit russischen Kosmonauten, oder den Raumfahrer Valery Polyakow. Eine Suche in der Fachartikel-Datenbank Medline konnte keine Publikationen des Mediziners zutage fördern. Man bekommt nicht den Eindruck, als ob versucht worden wäre, die außergewöhnlichen Aussagen des Mediziners zu überprüfen.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Außer dem Mediziner wird niemand zitiert. Einschätzungen anderer Ärzte oder Quellen gibt es keine. Es werden zwar Namen von angeblichen russischen Experten genannt, mit denen der Mediziner behauptet zu kooperieren. Doch wird weder überprüft, ob dies zutrifft, noch ob die genannten Personen überhaupt als Experten gelten können. Unbedingt notwenige unabhängige Quellen und Experten werden für den Artikel nicht herangezogen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Eine Pressemitteilung haben wir dazu zwar nicht gefunden. Der Beitrag gibt indes nahezu unreflektiert und unkritisch die Aussagen des Mediziners auf dieser Pressekonferenz wieder. Eine notwendige Auseinandersetzung darüber hinaus findet nicht statt. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es gibt keine Angaben dazu, inwieweit es sich um neue oder ältere Verfahren handelt, da nicht deutlich wird, ob zum Beispiel die Erfolgsbeschreibungen der Heilerfolge aus aktuellen Studie stammen, oder ob die Erfahrungen mit den Raumfahrern aktuelle Tests waren oder Versuche, die vor vielen Jahren durchgeführt wurden.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es handelt sich offenbar um so genannte alternativmedizinische Therapien („Der Schulmedizin hat er mittlerweile den Rücken gekehrt.(…)“). Ein ernsthafter Vergleich mit etablierten (ebenso wenig wie mit anderen alternativmedizinischen) Verfahren findet – auch beispielhaft – nicht statt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird zwar deutlich, dass der Arzt diese Verfahren in seiner Praxis anwendet; ob aber auch andere Mediziner oder Heilpraktiker diese Therapien in der Region nutzen, wird nicht erklärt.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

An einer Stelle heißt es zwar: „Ob Patienten die einzelnen Behandlungen von ihrer privaten Krankenkasse finanziert bekommen, hängt laut Edinger von ihren jeweiligen Verträgen ab.“ Das legt zumindest nahe, dass die gesetzlichen Krankenkassen diese Therapien nicht bezahlen. Hier wäre es nun aber für Leser wichtig gewesen, zumindest eine Größenordnung der Kosten einer typischen Behandlung genannt zu bekommen. Dies passiert aber nicht, obwohl es sicher möglich gewesen wäre, diese Information während der Pressemitteilung zu erfragen. Daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Da es nicht um eine bestimmte einzelne Krankheit geht, wenden wir dieses Kriterium nicht an.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Anlass der Pressekonferenz war offenbar ein aktueller Vortrag eines russischen Mediziners in der Klinik. Die kann – zumindest auf einer Lokalseite – ein Anlass für einen Bericht über die von der Praxis vor Ort propagierten Verfahren  sein. Allerdings wäre eine gänzlich andere Umsetzung des ungewöhnlichen Themas erforderlich gewesen. Von daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Vereinzelte Stellen, die Skepsis im Beitrag aufblitzen lassen, sind viel zu selten: „klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein“ oder „Wenn man Edinger Glauben schenken darf (…)“. Auch der regelmäßige Einsatz des Konjunktivs zeigt, dass eine gewisse Skepsis zum Ausdruck gebracht werden soll. Angesichts der unglaublichen Heilsversprechen des Arztes hätte es aber deutlich mehr journalistischer Mittel gebraucht, um Lesern angemessen über die Methoden des Mediziners zu berichten.

Hinzu kommt: Was genau der Arzt eigentlich macht, wird nicht erklärt, es gibt immer nur Andeutungen oder vereinzelte Verfahren werden ohne Erklärungen erwähnt (z.B. „Bioresonanzscanner Scio“ oder „Oberon“). Ansonsten gibt der Text einfach nur die schwammigen Erklärungen des Mediziners weiter („Ob ein Mensch krank oder gesund ist, hängt allein von der richtigen Frequenz ab“;„Wir schaffen es, mittels dieser Techniken, gekoppelt mit mentalen Verfahren und Vitalstoffen, aus krank gesund zu machen.“)

Eine journalistisch angemessene Darstellung ist in diesem Beitrag nicht erkennbar. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

 Uns sind keine offensichtlichen, einzelnen Faktenfehler aufgefallen, soweit dies in diesem beschränkten Rahmen einer Begutachtung möglich ist. Generell aber bestehen massive Zweifel an der Glaubwürdigkeit solcher globalen Heilsversprechen. Der Artikel bietet allerdings auch kaum Quellen, die zu einer Überprüfung herangezogen werden könnten. Daher wenden wir dieses Kriterium hier nicht an.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 0 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 2 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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