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„Beugt Kaffeetrinken Prostatakrebs vor?“

„Beugt Kaffeetrinken Prostatakrebs vor?“

Ist Kaffee gesund oder ungesund? T-Online berichtet in einem informativen Artikel über eine Übersichtsarbeit, laut der Männer, die täglich viel Kaffee tranken etwas seltener an Prostatakrebs erkrankten als Männer, die kaum Kaffee tranken. Der Text macht aber auch die Unsicherheit des Ergebnisses deutlich.

Zusammenfassung

Kaffee hatte lange Jahre den Ruf eines ungesunden Lebensmittels. Doch es mehren sich die Hinweise, dass dieses so beliebte Getränk durchaus auch positive Effekte haben kann, neben der Tatsache, dass es wach macht, wärmt und gut schmeckt. T-Online berichtet in diesem Artikel über eine Systematische Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse von 16 Studien zusammenfasst. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Männer, die viel Kaffee am Tag trinken auch ein geringeres Risiko haben an Prostatakrebs zu erkranken als Männer, die sehr wenig tranken. Dem Artikel gelingt es ganz gut diesen möglicherweise vorhandenen, indes auch geringen Vorteil darzustellen, ist aber bei der Darstellung der diskutierten negativen Effekte nicht konkret genug. Auch der Vergleich mit anderen Lebensmitteln oder Maßnahmen, die abseits der Ernährung mit einer Senkung des Risikos für Prostatakrebs in Verbindung stehen, hätte etwas ausführlicher sein können, um das Ergebnis einzuordnen. Leserinnen und Lesern wird hingegen gut vermittelt, dass dieses Ergebnis durchaus noch unsicher ist, obwohl schon so viele Personen in den Studien eingeschlossen waren. Es wird eine unabhängige Expertin für die Einordnung befragt und auch auf Informationen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) verwiesen. Der gut aufbereitete und vermittelte Artikel hätte manche Begriffe erklären können, die Laien wahrscheinlich nicht so geläufig sind. Insgesamt handelt es sich aber um einen gelungenen Beitrag zu einem für viele Leserinnen und Leser interessanten Thema, der auch auf weitere Quellen verlinkt. Für ein tagesaktuelles Medium berichtet der Artikel nicht so zeitnah, wie man es erwarten könnte.

1. Die positiven Effekte sind ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Beitrag beschreibt den Nutzen, der in der Metastudie ermittelt wurde, korrekt und quantifiziert ihn auch: „Insgesamt hatten die Kaffee-Vieltrinker ein um neun Prozent geringeres relatives Risiko im Vergleich zu denen, die davon wenig tranken. Das Risiko verringerte sich zudem mit jeder weiteren Tasse Kaffee um ein Prozent.“ Indes werden viele Leserinnen und Leser nicht wissen, was ein verringertes relatives Risiko ist, und daher auch den tatsächlichen Nutzen nicht einordnen können. An dieser Stelle wäre es besser gewesen, den möglichen Nutzen in absoluten Zahlen zu nennen, da relative Angaben dazu geeignet sind den Nutzen zu überschätzen. Da dieser indes sowieso nicht besonders hoch ausfällt, dies im Artikel auch deutlich gemacht wird, und im Fachartikel dazu auch keine Angaben gemacht werden, werten wir alles in allem knapp „erfüllt“. Es wäre für die Einordnung besser gewesen, entweder absolute Zahlen der Prostataerkrankungen in den Gruppen zu nennen (etwa beispielhaft aus einer der einbezogenen Studien) oder sogar die Senkung des absoluten Risikos darzustellen, weil dies am besten vermittelt, wie gering der Effekt tatsächlich sein könnte (etwa durch Nachfragen bei den Autoren der Studie).

2. Die negativen Effekte werden angemessen berücksichtigt.

Es wird berichtet, dass dem Kaffee früher negative Effekte zugeschrieben wurden („Lange Zeit galt Kaffeetrinken als schädlich, (…).“), die sich nach neueren Forschungsergebnissen nicht bestätigt hätten – indes werden diese nicht konkret benannt. Es wird auch nicht klar, ob nun gar keine negativen Effekte mehr nachweisbar sind – was ist zum Beispiel mit den vielfach berichteten Auswirkungen des Säuregehalts von Kaffee auf den Magen? Allenfalls der Halbsatz „solange er das Koffein gut vertrage“ deutet Unverträglichkeiten vage an. Zwar wird die Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit dem Hinweis zitiert „Nicht mehr als drei bis vier Tassen am Tag sollten es sein“, aber auch hier werden keine konkreten negativen Effekte genannt und es wird auch nicht deutlich, was passiert, wenn man mehr als diese empfohlene Menge trinkt.

3. Es werden alternative Lebensmittel/Ernährungsformen/Diäten vorgestellt/verglichen.

Es wird nur knapp erläutert, dass die Inhaltsstoffe des Kaffees, denen die positiven Wirkungen zugeschrieben werden, auch in anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten sind. Konkrete Beispiele werden indes keine genannt. Auch sonst werden keine anderen über Ernährung hinausgehenden Maßnahmen erwähnt, denen ein Effekt in diesem Ausmaß oder auch darüber hinaus zugeschrieben wird. Wir werten daher, wenn auch knapp „nicht erfüllt“.

4. Die Belege/Studien werden ausreichend eingeordnet.

Das Studiendesign wird ausführlich erläutert und dabei wird vor allem die große Teilnehmerzahl deutlich. Zur Aussagekraft der Studie wird eine unabhängige Expertin befragt. Die Schwachstellen der Studie werden in einem extra Absatz gut erläutert. Die Heterogenität der 16 analysierten Studien, die auch die Expertin anspricht, zeigt sich auch in dem nicht sonderlich hohem so genannten i2-Wert von 53.2%. Einige Wissenschaftler würden bei einem solch niedrigem Wert sagen, dass die Studien zu unterschiedlich waren, um sie vergleichen zu können. Confounder, als Faktoren, die ebenso einen Einfluss auf das Ergebnis haben können, wie etwa Rauchen, Alkoholkonsum oder Prostatakrebs in der Familie, wurden in 5 bis 11 von 15 Studien nicht berücksichtigt. Hier hätten weitere Schwachpunkte der Studie genannt werden können, beispielsweise, dass die Kaffeesorte und somit der Koffeingehalt (kann zwischen 40 und 120 mg pro Tasse schwanken) nicht berücksichtigt wurde. Insgesamt macht der Artikel aber Laien durchaus deutlich, dass das Ergebnis der Studie mit Vorsicht zu genießen ist, obwohl sie so viele Personen umfasst.

5. Es gibt weitere, unabhängige Experten und die Quellen sind transparent.

Der Beitrag nennt und verlinkt die Originalquelle. Er zitiert mit Dr. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrum eine Expertin, die nicht an der Studie beteiligt war. Sie ordnet die Ergebnisse ein. Zudem wird auf die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) verwiesen.

6. Es wird auf mögliche Interessenkonflikte eingegangen.

Besondere Interessenkonflikte spricht der Beitrag nicht an. Wir haben aber auch keine gefunden, die hier zu nennen gewesen wären. Laut Studie liegen auch keine vor.

7. Es gibt eine Einordnung in den Kontext (Neuheit/Verfügbarkeit/Kosten/Herkunft o.a.)

Die Verfügbarkeit von Kaffee ist allgemein bekannt und muss nicht erläutert werden, ebenso die Kosten. Weitere Punkte aus dem Kontext des Themas, etwa zu Prostatakrebs, Vorbeugung etc. sind durch entsprechende Links ausreichend berücksichtigt. Ausführlicher hätte der Kontext der Studie selbst dargestellt werden können. So wird nicht ganz klar, dass es auch Studien mit ähnlicher Fragestellung gab, die z.T. zu anderen Ergebnissen kamen. Was genau an der hier vorgestellten Studie neu ist, und warum sie möglicherweise aussagekräftiger wäre (Kohortenstudien vs. Fallkontrollstudien), berichtet der Beitrag nicht. Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

8. Die Fakten stimmen.

Faktenfehler sind uns im Rahmen unserer Möglichkeiten nicht aufgefallen.

9. Der Beitrag ist überwiegend eine journalistische Eigenleistung.

Vieles im Beitrag findet sich so auch in der Pressemitteilung wieder, doch mit Einbeziehung der zweiten Quelle, die die Ergebnisse ausführlich kommentiert, ist eine klare journalistische Eigenleistung gegeben.

10. Der Beitrag vermittelt das Thema attraktiv.

Der Text ist sachlich gehalten und flüssig geschrieben. Die Möglichkeiten des Online-Mediums werden mit zahlreichen Verlinkungen zu weiterführenden Informationen gut genutzt. Die Zwischenüberschriften geben dem Text Struktur und ermöglichen es dem Leser, Absätze zu überspringen. Sie regen zum Weiterlesen an. Die Empfehlung der DGE wurde in einem Kasten platziert und kann so schnell von Leserinnen und Lesern erfasst werden. Unklar bleibt nur, warum die DGE überhaupt maximal vier Tassen Kaffee am Tag empfiehlt. Die Überschrift hätte man etwas attraktiver formulieren können – vor allem für die Dachzeile „Studie untersucht Effekt“ wäre ein etwas aussagekräftigerer Inhalt von Vorteil gewesen. Die Frage in der Überschrift lässt schon vermuten, dass die Antwort kein eindeutiges „Ja“ sein wird. Überschriften in Fragen zu packen zählt indes nicht zu den elegantesten Formen im Journalismus, weil man dann auch entgegnen könnte: Wenn es nicht sicher ist, ist es dann überhaupt relevant?

11. Das Thema ist verständlich erklärt.

Der Beitrag ist zu einem Großteil in verständlicher Sprache geschrieben, verzichtet dabei aber nicht gänzlich auf Fremdwörter (antioxidativ, Glukosestoffwechsel, sekundäre Pflanzenstoffe). An einigen entscheidenden Punkten fehlen Erläuterungen: Was sind Kohortenstudien? Was ist ein „geringeres relatives Risiko“? Missverständlich ist auch die Formulierung „Insgesamt hatten die Kaffee-Vieltrinker ein um neun Prozent geringeres relatives Risiko im Vergleich zu denen, die davon wenig tranken. Das Risiko verringerte sich zudem mit jeder weiteren Tasse Kaffee um ein Prozent.“ Das könnte so verstanden werden, dass mit jeder Tasse Kaffee mehr – auch über die Obergrenze von neun Tassen hinaus – das Risiko immer weiter sinkt. Das ist aber der Studie nicht zu entnehmen, und wohl auch im Beitrag nicht gemeint.

12. Das Thema ist aktuell, relevant oder originell.

Da Prostatakrebs weit verbreitet ist, wäre auch ein eher kleiner Effekt, der das Erkrankungsrisiko in der Bevölkerung senken könnte, relevant, zumal Kaffee ein sehr beliebtes Getränk ist. Die Studie und die zugehörige Pressemitteilung sind allerdings schon am 11. Januar erschienen, damit ist der Bericht Anfang Februar für ein Online-Nachrichten-Medium nicht mehr sonderlich aktuell. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

 

Journalistische Kriterien: 9 von 12 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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