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„Entschlacken: Das steckt dahinter!“

„Entschlacken: Das steckt dahinter!“

Ein Artikel auf Brigitte.de verspricht aufzuklären, was hinter „Entschlackungskuren“ steckt, liefert Leserinnen und Leser dann aber nur eine oberflächliche, quellenlose Berichterstattung, die nicht ausreichend deutlich macht, wie wenig die Wissenschaft von diesem Konzept der Entgiftung durch Ernährungsumstellung hält.

Zusammenfassung

Seinen Körper durch bestimmte Ernährungsformen und Diäten mal so richtig von Giftstoffen und Substanzen, die ihm schaden, zu reinigen, ist ein beliebtes Thema in der Alternativmedizin. Ein Beitrag auf Brigitte.de verspricht zu erkunden, was dahintersteckt. Der insgesamt gut strukturierte Text macht zwar deutlich, dass „Entschlackung“ ein altes bekanntes Verfahren ist, und dass man unter Umständen zuvor Rücksprache mit einem Arzt halten sollte, um Schäden zu vermeiden. Doch insgesamt bleibt der Text viel zu oberflächlich, um zu erklären, was wirklich „dahintersteckt“. Effekte – positive wie negative – werden nur sehr vage beschrieben, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Es gibt keinerlei Verweise auf konkrete Belege oder Studien, ebenso wenig werden konkrete Quellen oder Experten zitiert. Vor allem wird nicht hinreichend deutlich gemacht, dass die etablierte Meinung in der Wissenschaft ist, dass „Entschlackung“ in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist. Kritik gebe es laut Beitrag nur von „einigen Wissenschaftlern“, als wäre dies eine Minderheitenmeinung, was tatsächlich irreführend ist. Es bleibt völlig offen, warum dieser Artikel gerade jetzt und in dieser Form veröffentlicht wurde.

1. Die positiven Effekte sind ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Beitrag beschreibt, was „Entschlacken“ sein soll und gibt verschiedene positive Effekte an wie „schwemmt Gifte aus dem Körper aus“, „dient der Ernährungsumstellung“ und „ist eine Fastenkur“. Das Hautbild verbessere sich und auch der Geschmack werde sensibilisiert: „Zudem berichten Fastenerfahrene, dass man Lebensmittel erst einmal wieder zu schätzen lerne und so selbst ein Apfel unsere Geschmacksknospen auf ganz neue Weise entzücken könne.“

Leider wird bei keinem der Effekte, bei denen dies wichtig wäre, konkret das Ausmaß beschrieben. Weder erfährt man, wie viel man im Durchschnitt in welchem Zeitraum abnehmen könnte, noch welche Mengen an Giftstoffen aus dem Körper befördert würden oder welche Substanzen konkret über welchen Zeitraum mit welchen Maßnahmen entsorgt werden. Es heißt nur allgemein, die „ideale Dauer beträgt drei bis vier Wochen“ und es gibt eine Liste potenzieller Substanzen. Positiv ist der einschränkende Hinweis, dass „Entschlacken“ nicht geeignet sei, um „längerfristig“ Gewicht zu verlieren. Ebenfalls erfahren Leserinnen und Leser, wenn auch erst am Ende des Artikels, dass „einige Wissenschaftler“ das Verfahren als „Unsinn“ betrachten, somit also eigentlich gar kein Effekt zu erwarten wäre. Damit wäre die Beschreibung der meisten positiven Effekte eine übertriebene Darstellung des Nutzens solcher Diäten.

2. Die negativen Effekte werden angemessen berücksichtigt.

Es gibt eine, wenn auch sehr allgemein gehaltene Warnung: „Bevor man eine solche Kur durchführt, sollte man mit seinem Arzt sprechen. Entgiftungskuren aller Art können den Organismus belasten und könnten sogar gefährlich werden, wenn bestimmte Vorerkrankungen bestehen.“ Um welche Belastungen es sich konkret handelt, bleibt offen, es wird auch nicht erklärt, bei welchen Vorerkrankungen die Verfahren gefährlich werden könnten.

Zudem gibt es eine Warnung vor teuren, aber wirkungslosen Detox-Präparaten aus der Apotheke, die indes ebenfalls nicht konkret benannt oder zumindest umschrieben wird. Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

3. Es werden alternative Lebensmittel/Ernährungsformen/Diäten vorgestellt/verglichen.

Der Beitrag erwähnt nur sehr vage „ähnliche Fastenkuren“, dabei soll Entschlacken aber „ideal“ sein. Da die Alternativen im Text nicht konkret genannt oder beschrieben werden, sind diese für die Leser nicht ermittelbar. Sie können daher nicht überprüfen, warum Entschlacken im Vergleich zu anderen Kuren ideal sein sollte.

4. Die Belege/Studien werden ausreichend eingeordnet.

Es werden keinerlei nachprüfbare Belege oder Studien für die Aussagen im Text angeführt und somit auch nicht eingeordnet. Im Text steht nur ein vager Hinweis auf „die Naturheilkunde“, aber kein Verweis, auf welche Belege oder Studien sich dies bezieht. Wie gut die Behauptungen zu positiven oder negativen Effekten des Entschlackens belegt sind, bleibt also völlig offen. Der Hinweis auf „einige Wissenschaftler“, die Entschlacken für Unsinn halten, wird ebenfalls nicht genauer belegt. Ein Blick etwa auf die Seite der DGE hätte vielleicht weiterhelfen können, dort gibt es in einem Artikel zu „Entgiftungsdiäten“ einen eigenen Abschnitt mit einem Überblick über die wissenschaftliche Studienlage.

5. Es gibt weitere, unabhängige Experten und die Quellen sind transparent.

Experten oder Quellen werden im Beitrag nicht zitiert. Der Beitrag stellt alle Behauptungen zum Entschlacken, seinen Funktionen und seiner Wirkung ohne Bezug zu konkreten Experten oder Quellen auf. Zur Kritik heißt es z.B. nur ganz pauschal: „Einige Wissenschaftler halten Entschlacken für Unsinn.“

6. Es wird auf mögliche Interessenkonflikte eingegangen.

Da im Beitrag keine Expertinnen oder Experten zu Wort kommen, können auch keine Interessenkonflikte überprüft werden.

7. Es gibt eine Einordnung in den Kontext (Neuheit/Verfügbarkeit/Kosten/Herkunft o.a.)

Der Beitrag stellt die Prinzipien des Entschlackens sehr allgemein vor, zu konkreten Formen wie Basen-Fasten oder „Entsäuerung“ wird nur verlinkt auf andere Artikel innerhalb des Mediums. Als konkrete Methode wird im Beitrag nur der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel benannt, darunter der Verzicht auf Fertiggerichte, Zucker, Alkohol, Nikotin, wodurch klar wird, dass es sich eher um eine kostengünstige Methode handelt. Zum Kauf teurer Präparate wird nicht ermutigt, es wird tatsächlich davor gewarnt.  Deutlich wird indes auch, dass „Entschlacken“ keine neue Methode ist: „Die Naturheilkunde hat den Begriff vor Jahrhunderten übernommen (…).“ Positiv ist zumindest, dass Leserinnen und Leserinnen darauf hingewiesen werden, dass es auch vehemente Kritik am „Entschlacken“ gibt: „Gelebter Unsinn: Gibt es Kritik am Entschlacken? Ja. Einige Wissenschaftler halten Entschlacken für Unsinn.“  Alles in allem werten wir nur knapp „erfüllt“ (siehe aber auch Kriterium Faktentreue).

8. Die Fakten stimmen.

Im Beitrag heißt es: „Unser Körper produziert laufend Stoffwechselabfallprodukte, die von unseren Zellen entsorgt werden, diesen Vorgang kennt man als sog. Autophagozytose.“ Die Autophagozytose ist indes ein Prozess, bei dem Zellbestandteile innerhalb der Zelle abgebaut werden (daher „Auto-„), um sie innerhalb der Zelle wiederzuverwenden, es geht dabei nicht um Substanzen, die von außerhalb in die Zelle gelangen, sondern eher um eine Art Recycling (wie auch schon der Wikipedia-Artikel dazu erklärt. Weitere Informationen finden sich auch in diesem Artikel im Ärzteblatt.

Im Artikel heißt es: „Einige Wissenschaftler halten Entschlacken für Unsinn.“ Das ist irreführend, weil es („Einige (…).“) – zudem am Ende des Artikels – suggeriert, dies sei eine Minderheitenmeinung innerhalb der Wissenschaft. Tatsächlich ist es unter Wissenschaftlern die etablierte Meinung, dass es für Entschlacken keine hinreichenden Belege gibt. So heißt es etwa bei der DGE: „Insgesamt liegen keine aussagekräftigen Humanstudien vor, die die Effektivität von Detox-Diäten untersuchen. (…) Eine Reinigung des Körpers von Schadstoffen ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht nötig, zumal es keine Aussage dazu gibt, um welche Gifte oder Schadstoffe es sich dabei genau handelt, und auch nicht darüber wie diese dann abgebaut werden sollen.“

Bei der britischen „Association of UK Dietitians“ heißt es tatsächlich:
„The whole idea of detox is nonsense“.

Bei der US-amerikanischen „Academy of Nutrition and Dietetics“ heißt es: „Many noncredentialed people claim to be experts in detoxification; however, there is a lack of research at this time to support its use.“

Auch dieser Artikel unserer KollegInnen von Medizin-Transparent.at macht deutlich, dass es keine Belege für die Wirksamkeit von Detox-Kuren gibt.

Dass der Hinweis auf die Kritik aus der Wissenschaft erst am Ende des Beitrags kommt, und so den Eindruck vermitteln könnte, es handele sich um eine Minderheiten- oder zumindest nicht etablierte Meinung, lässt bei uns den Eindruck entstehen, dass es dem Beitrag an der notwendigen journalistischen Sorgfaltspflicht mangelt.

Im Artikel heißt es pauschal: „Unser Körper wird von Giftstoffen befreit und alle schädlichen Stoffe werden hinausgeschwemmt.“ Dafür gibt es indes bisher so gut wie keine belastbaren Belege (siehe die Links zum Aspekt vorher), um dies in dieser absoluten Form zu berichten.

9. Der Beitrag ist überwiegend eine journalistische Eigenleistung.

Wir können nicht beurteilen, ob der Beitrag überwiegend auf Pressematerial beruht oder auf eigenen Recherchen, da keinerlei Quellen oder Experten genannt werden, anhand derer dies überprüft werden könnte.

10. Der Beitrag vermittelt das Thema attraktiv.

Die Sprache ist formal einfach gehalten, persönliche Ansprache („Du möchtest Pfunde verlieren (…).“), auch ist der Artikel übersichtlich mit Leitfragen in Form einer Checkliste strukturiert. Der Text enthält Listenelemente und gefettete Satzbestandteile. Das ist leserfreundlich und formal gut aufgebaut, als Service-Text grundsätzlich funktional und leicht nachvollziehbar. Spannend oder besonders mitreisend ist das indes nicht, dafür ist es insgesamt eher sachlich gehalten. Problematisch finden wir, dass dieses Leitfragen-Format den Eindruck erweckt, als wäre das Thema sorgfältig aufbereitet worden und Leserinnen und Leser bekämen gut belegte Antworten auf wichtige Fragen.

11. Das Thema ist verständlich erklärt.

Der Text ist dort verständlich, wo er klare Handlungsanweisungen enthält (Trinkt reichlich: Am besten 2 bis 2,5 Liter am Tag, ideal sind stilles Wasser oder Kräutertees.) Es gibt keine überlangen Sätze oder komplexen Satzbau. Substantivierung werden vermieden, Fremdworte weitgehend auch, außer im Fall von Autophagozytose, das indes nicht richtig erklärt wird. Positiv ist, dass deutlich gemacht wird, dass der Begriff „Entschlackung“ eigentlich irrführend ist, weil es im Körper gar keine aus der Metallherstellung bekannten „Schlacken“ gibt.

Unverständlich ist der Text immer da, wo er versucht, wissenschaftlich die Funktion von Heilfasten zu erklären. Beispiel: „Unser Körper produziert laufend Stoffwechselabfallprodukte, die von unseren Zellen entsorgt werden, diesen Vorgang kennt man als sog. Autophagozytose“. Wie genau denn nun eine „Entschlackung“ funktionieren soll, etwa durch eine Basenkur oder eine Entgiftung oder wie auch nur eine Darmreinigung funktionieren soll, die den Darm „auf null“ stellen soll, wird gar nicht genau erklärt. Es gibt zwar einige Tipps, warum aber bestimmte Lebensmittel bei der Entschlackung helfen oder nicht, bleibt offen, ebenso wie die Frage, warum man bestimmte Nahrungsmittel wie Weißmehl oder raffinierten Zucker meiden sollte.

12. Das Thema ist aktuell, relevant oder originell.

Ein aktueller Anlass ist nicht erkennbar, warum das Thema in dieser Form relevant sein sollte, wird ebenfalls nicht deutlich, da der Beitrag nichts berichtet, was nicht auch schon in den letzten Jahren berichtet worden wäre. Ungewöhnlich ist das Thema auch nicht.

 

Journalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Wir werten aufgrund des völligen Fehlens jeglicher Quellen und Experten um einen Stern ab.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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