Laut einer Pilotstudie sollen Nikotinpflaster bei älteren Personen mit leichten kognitiven Einschränkungen das Langzeitgedächtnis und andere kognitive Leistungen verbessern. Die TV-Nachricht dazu macht in der Kürze der Zeit zumindest klar, dass für abschließende Bewertungen mehr Studien erforderlich sind.
Zusammenfassung
In einer Nachricht im Bild von ZDF „heute nacht“ wird über die Ergebnisse einer Pilotstudie mit 70 älteren Menschen berichtet, die leichte kognitive Einschränkungen haben (engl. Mild Cognitive Impairment, MCI). Nach einer sechsmonatigen Therapie mit Nikotinpflastern zeigten sich bei Ihnen im Gegensatz zu Probanden einer Placebogruppe Verbesserungen bei einigen kognitiven Leistungen, bei anderen nicht.
Der Beitrag schafft es in der Kürze der Zeit zwei nicht an der Studie beteiligte Experten mit einer Einschätzung zu präsentieren und – wenn auch sehr knapp – auf Risiken und Nebenwirkungen des Nikotins hinzuweisen. Zudem wird deutlich, dass es sich um eine kleine Studie handelt, deren Aussagekraft beschränkt ist. In nur einem Satz und passendem Bildmaterial schafft es der Beitrag sogar, auf wichtige Alternativen gegen kognitiven Zerfall hinzuweisen.
Demgegenüber sind die eigentlichen Ergebnisse der Studie zu knapp und missverständlich dargestellt. Informationen zur Verfügbarkeit und den Kosten fehlen. Schließlich halten wir die Darstellung der kognitiven Einschränkungen für übertrieben, weil der Eindruck entsteht, sie führten zwangsläufig zur Demenz.
1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.
Zum möglichen Nutzen der Nikotintherapie heißt es im Beitrag: „Die Nikotinbehandelten erreichten 46 Prozent der normalen Fähigkeiten des Langzeitgedächtnisses zurück, während sich der Zustand der Placebobehandelten ohne Wirkstoff um 26 Prozent verschlechterte.“ Außerdem heißt es nur sehr allgemein: „So fühlten sich die Studienteilnehmer mit Nikotinpflaster geistig fitter und konnten verschiedene Konzentrations- und Reaktionstests besser lösen.“
Dies halten wir für eine teils missverständliche und zu kurze Darstellung der Ergebnisse. Die Aussage mit den Zahlenangaben ist eine wörtliche Übersetzung aus der entsprechenden Pressemitteilung, die Zahlen sind so nicht im Fachartikel zur Studie zu finden. Sie sind schön plakativ, doch es bleibt unklar, worauf sich die Verbesserungen konkret beziehen. Ob die Prozentzahlen der beiden Gruppen denselben Ausgangspunkt haben, wird ebenfalls nicht deutlich. Hinzu kommt: Neben einigen statistisch signifikanten Ergebnissen, gab es in der Studie zahlreiche Tests, die keine Verbesserungen erbrachten, dies wird im Beitrag ebenfalls nicht deutlich.
Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.
2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.
Der Beitrag spricht Risiken und Nebenwirkungen an. Eine Expertin weist allgemein darauf hin, dass Nikotin eine Droge ist, die ungehindert in das Gehirn gelangt. Sie erzeugt Abhängigkeiten. Solche Nikotin-Medikationen sollten daher sehr vorsichtig bewertet werden. Dass die Nikotinpflaster in der Studie bei einigen Anwendern konkrete Nebenwirkungen wie Übelkeit und Schwindel auslösten, wird in dem Nachrichten-Beitrag nicht erklärt. Daher werten wir das Kriterium nur knapp „erfüllt“.
3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.
Es wird deutlich, dass eine Gruppe mit Nikotinpflaster mit einer Placebogruppe (Probanden mit einem Scheinmedikament) über sechs Monate verglichen wurde, und dass es eine kleine Studie war (70 Probanden). Dazu heißt es: „Weil die Studie nur aus siebzig Probanden bestand, sollen nun weitere Untersuchungen folgen.“ Das vermittelt zumindest im Rahmen einer solch kurzen Nachricht, dass die Aussagekraft eingeschränkt ist.
4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.
Die US-Mediziner, die die Studie durchgeführt haben, kommen nicht zu Wort – was für eine TV-Nachricht in diesem Falle wohl auch zu aufwändig gewesen wäre. Dafür erklärt ein deutscher Forscher von der Psychiatrischen Universitätklinik Düsseldorf, dass die Ergebnisse plausibel sind, weil man aus Zellversuchen weiß, dass Nikotin die Signalübertragung zwischen Gehirnzellen verbessere, was Auswirkungen auf die Denk- und Gedächtnisleistung habe. Zudem kommt eine Expertin der Stiftung Alzheimer Initiative zu Wort, die auf das Suchtrisiko einer Nikotinpflastertherapie hinweist.
Dass Pfizer die Pflaster zur Verfügung stellte und einige Autoren finanzielle Verbindungen zu der Firma haben (wie im Fachartikel angegeben), wird nicht erwähnt. Da die Studie aber vor allem vom amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitut (NHI) gefördert wurde, halten wir es in diesem Fall für noch akzeptabel, in einer Nachricht nicht auf diese Interessenkonflikte einzugehen.
5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.
Zur Studie finden sich nur Informationen, die auch in den beiden Pressemitteilungen zu finden sind, vor allem stammt die Aussage zu den Prozentangaben zum Nutzenvergleich wortwörtlich aus der englischen Pressemitteilung, im Fachartikel (hier die Zusammenfassung, uns lag der Volltest vor) sind sie so nicht dargestellt. Darüber hinaus gibt es aber Aussagen zweier Experten, die über die Pressemitteilung hinaus gehen. Daher werten wir auch hier knapp „erfüllt“.
6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.
Studien, bei denen die Wirkung auf kognitive Fähigkeiten von Nikotin untersucht wurden, gibt es (wie dem entsprechenden Fachartikel zu entnehmen ist), mindestens seit den 1980er Jahren. Unklar war bislang, in welcher Dosierung die positiven Effekte bei milden kognitiven Einbußen überwiegen. Denn bekannt ist auch: Wird Nikotin zu hoch dosiert, überwiegen die negativen Effekte. Diese in der Pressemitteilung der Vanderbildt Universität angestellten Überlegungen werden im Beitrag nicht thematisiert.
7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Dieser Aspekt ist für einen so kurzen Beitrag gut gelöst. Der Beitrag zeigt mögliche Alternativen im Bild: eine anregende Umgebung, Alltagsverrichtungen in geselliger Runde wie Kartoffeln schälen, Spiele spielen, Musik machen. Im Sprechertext heißt es zudem explizit, dass Bewegung und soziale Kontakte dazu beitragen können, Senioren geistig beweglich zu halten.
8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.
Zur Verfügbarkeit der untersuchten Nikotinpflaster gibt es keine Aussagen. Hier wäre eine Information wichtig gewesen, in wie weit sich diese Pflaster aus der Studie von Nikotinpflastern, die in jeder Apotheke für die Raucherentwöhnung zu bekommen sind, unterscheiden.
10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).
Dieser Aspekt ist schwierig zu entscheiden, was mit dem Konzept der „leichten kognitiven Störung“ (engl. Mild Cognitive Impairment, (MCI)) zu tun hat, die bei den Probanden diagnostiziert wurde. Im Beitrag heißt es dazu: „Alle waren zwar noch nicht dement, zeigten aber bereits geistige Beeinträchtigungen wie Erinnerungslücken und Orientierungsprobleme.“ Das suggeriert, dass es sich um Personen handelt, die früher oder später dement werden. MCI wird zwar häufig als Vorstufe zur Demenzerkrankung betrachtet, ist aber ein umstrittenes Konzept – unter anderem deshalb, weil die Vorhersagekraft dieser Diagnose eingeschränkt ist. Ob nämlich bei Personen mit der Diagnose MCI tatsächlich eine Demenz eintreten wird, ist keinesfalls sicher. Laut Untersuchungen entwickelt die Mehrheit keine Demenz, bei einigen bessern sich die Einschränkungen sogar wieder (siehe z.B. eine Zusammenfassung zu diesem Thema hier. Durch die zu einfache Darstellung im Beitrag entsteht aber der Eindruck, Nikotin könnte möglicherweise vor der Demenz schützen. Eine Darstellung die dem Hersteller der Pflaster sicher nicht ungelegen kommt.
Insgesamt halten wir daher die Darstellung der MCI in diesem Beitrag für übertrieben und werten „nicht erfüllt“.
1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.
Es handelt sich um eine aktuelle Studie. Therapeutische Ansätze zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten sind im Zusammenhang mit der Diskussion einer alternden Gesellschaft zudem relevant. Eine mögliche positive Wirkung des ansonsten negativ besetzten Nikotins ist für viele Zuschauer sicherlich eine überraschende Information.
2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).
Der Beitrag ist klar strukturiert, er benutzt einfache Sätze und versucht Bilder zu finden, die die Verständlichkeit erhöhen (kreisrunde Pflaster, die auf Oberarme geklebt werden, Senioren, die zusammen Klavier spielen). Obwohl er nur eine Minute und 30 Sekunden dauert, ist er für ein TV-Format in einigen Aspekten informativ und dabei gut anzusehen. Problematisch ist hingegen die plakative und damit auf den ersten Blick scheinbar klare Aussage zum möglichen Vorteil der Nikotinpflaster im Vergleich zur Placebogruppe (siehe Kriterium Nutzen).
Der Einstieg des Beitrags beginnt sehr unvermittelt mit der Beschreibung der Studie, obwohl die Moderatorin zuvor gar nichts von einer Studie erklärt hatte (möglicherweise war ursprünglich eine andere Anmoderation geplant). Dies könnte auch erklären, warum im Beitrag nicht erklärt wird, dass es sich um eine US-amerikanische Studie handelt. Zeitweise hat man den Eindruck, es handele sich um eine deutsche Studie, die der zitierte Düsseldorfer Mediziner durchgeführt hat (der aber eigentlich nur erklärt, dass die Studienergebnisse Zellversuche mit Nikotin bestätigen). Alles in allem werten wir das Kriterium als „erfüllt“.
3. Die Fakten sind richtig dargestellt.
Abgesehen von der übertriebenen Darstellung der Diagnose der Probanden, die wir bereits beim Kriterium Krankheitsübertreibung kritisiert haben, sind uns keine gravierenden Fehler aufgefallen.
Kriterium erfüllt |
Kriterium nicht erfüllt |
Kriterium nicht anwendbar

