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„Fumarsäure gegen Multiple Sklerose“

„Fumarsäure gegen Multiple Sklerose“

In einer Hauptnachrichtensendung wird über ein scheinbar viel versprechendes Mittel gegen Multiple Sklerose berichtet. Der offensichtlich stark gekürzte Beitrag liefert zu wenige wichtige Informationen zu dem noch nicht zugelassenen Medikament. Ein aktueller Anlass ist nicht erkennbar.

Zusammenfassung

In den ARD „tagesthemen“ wird in einem Beitrag von 1:30 Minute Länge über ein Medikament auf Basis von Fumarsäure gegen Multiple Sklerose (MS) berichtet. Dabei wird das Medikament von den Medizinern im Beitrag als „Durchbruch“ und „neue Ära in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen“ beschrieben. Dabei wird deutlich, dass dies ein für die Behandlung der MS neues Mittel ist, das aber bereits bei Schuppenflechte eingesetzt wird, und dass das Medikament für die neue Anwendung noch nicht zugelassen ist.

Der mögliche Nutzen wird indes zu knapp dargestellt, auf Risiken und Nebenwirkungen wird nicht eingegangen. Wie gut die Qualität der zugrundeliegenden Studien ist, ist nicht erkennbar; außer den Studienautoren gibt es keine Einordnung durch unbeteiligte Experten. Wie MS bisher behandelt wird, bleibt offen und damit auch, welche Vorteile die Therapie bringt. Die Darstellung einiger Aspekte ist nur teilweise verständlich, ein für ein tagesaktuelles Format gegebener aktueller Anlass ist nicht erkennbar, zumal da die Ergebnisse seit Oktober 2011 bekannt sind und in einer ausführlicheren Version dieses Beitrags (5:30 Min.) bereits eine Woche zuvor in einem Gesundheitsmagazin ausgestrahlt worden waren.


Hinweis: Der Autor des Beitrags ist Gutachter beim Medien-Doktor. Die beiden Gutachter des Beitrags wussten zum Zeitpunkt der Bewertung nicht, wer der Autor des Beitrags ist.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird vom zweiten der beiden Experten in Zahlen gefasst. Er berichtet von einer Verringerung der Krankheitsschübe „in der Größenordnung von zirka 50 Prozent“. Dabei handelt es sich um eine relative Risikoreduktion, bei der unklar bleibt, auf was sie sich bezieht. Durch diese Darstellung könnten Zuschauer zum Beispiel den Eindruck gewinnen, jeder einzelne Patient habe nur noch die Hälfte der Krankheitsschübe zu erwarten. Dies geht aus dem Fachartikel aber nicht hervor. Besser wäre es gewesen, diese plakative Zahl in einen genaueren Zusammenhang zu stellen.

Auch der Hinweis auf „bis zu 90 Prozent“ weniger neue Entzündungsherde im Gehirn (die im MRT gemessen werden) könnte suggerieren, die Krankheitsaktivität betrage nur noch 10 Prozent. Aber die Entzündungsherde korrelieren nicht immer mit der Aktivität (sonst müssten ja die Schübe auch um bis zu 90 Prozent seltener sein). Aber darauf wird nicht eingegangen. Die Formulierung „bis zu“ verdeutlicht, dass es sich um einen Maximalwert handelt. Wie viele neue Entzündungen aber im Durchschnitt weniger auftreten, wird nicht erklärt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es gibt in diesem Beitrag keine Informationen zu Risiken und Nebenwirkungen. In der längeren Version des Beitrags wurden diese zumindest kurz thematisiert.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es werden Ergebnisse zweier bzw. dreier Studien vorgestellt. Es gibt keine Informationen zu diesen Studien (Dauer, Anzahl der Probanden etc.), eine Einordnung der Qualität, ihrer Stärken oder Schwächen erfolgt nicht. Es wird auch nicht deutlich, dass die Ergebnisse zur Wirksamkeit bisher nur in zwei Vorträgen auf einer Konferenz präsentiert wurden, und nicht in begutachteten Fachartikeln veröffentlicht sind (anders als die Ergebnisse zur Rolle der dendritischen Zellen bei MS, Fachartikel hier). Ebenso wird nicht klar, dass sämtliche Ergebnisse erstmals bereits im Oktober 2011 bekannt gegeben wurden.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen zwar zwei deutsche Mediziner zu Wort, bei beiden handelt es sich indes um Autoren der beiden angesprochenen Studien, worauf nicht hingewiesen wird. Eine Einordnung der Ergebnisse durch andere Mediziner, zumindest als kurzes Zitat im Sprechertext, erfolgt nicht. Gegen Ende des Beitrags heißt es nur allgemein: „Die Wissenschaftler sprechen von einem Durchbruch, sie erwarten, dass die Fumarsäure in gut einem Jahr (…) zugelassen wird.“ Ob damit die (beiden) Mediziner der Studien gemeint sind, oder andere unbeteiligte, wird nicht klar. Eine Einordnung durch eine unbeteiligte Quelle wäre auch deshalb von Nöten, da einer der beiden Mediziner von einer „neuen Ära der Therapie von Autoimmunkrankheiten“ spricht.

Auf mögliche Interessenkonflikte wird nicht hingewiesen. An beiden Studien war der Hersteller beteiligt (wenngleich dies im Fall solcher Zulassungsstudien zwangsläufig so ist); der zweite Mediziner hat bereits Honorare vom Hersteller erhalten, wie der Konferenzzusammenfassung zu entnehmen ist.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Eine aktuelle Pressemitteilung zu dem Beitrag lag uns nicht vor, es gibt mehrere Aspekte, die über die Informationen zweier älterer Pressemitteilungen hinausgehen (Darstellung des Wirkmechanismus‘ der Fumarsäure, Erklärung der Patientin). Daher werten wir das Kriterium als „erfüllt“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Beitrag macht klar, dass Fumarsäure bereits zur Behandlung der Schuppenflechte zum Einsatz kommt. Neu ist, dass untersucht wird, ob sich der Wirkstoff auch zur Behandlung der Multiplen Sklerose eignet und dass in naher Zukunft eine Zulassung erwartet wird.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Beitrag spricht mögliche Alternativen zur Behandlung einer MS nicht an. Dabei bestehen zahlreiche Behandlungsoptionen mit Medikamenten wie etwa Kortison, Beta-Interferon oder anderen Wirkstoffen, die die Aktivität des Immunsystems bremsen sollen. In der längeren Fassung des Beitrags wird darauf hingegen zumindest kurz eingegangen.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird erwähnt, dass der Wirkstoff noch nicht als Medikament zur Behandlung der MS zugelassen ist. Bis zur Zulassung könne noch etwa ein Jahr vergehen. Laut diesem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem November 2011 war die Zulassung aber auch schon mal für die erste Jahreshälfte 2012 erwartet worden.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten des Mittels wird nicht eingegangen, obwohl es kurz vor der Zulassung stehen soll, und der Wirkstoff bereits gegen Schuppenflechte eingesetzt wird. Dies ist durchaus ein interessanter Aspekt wie in dem Artikel in der „Zeit“ aus dem November deutlich wird: „Auch sein Preis ist noch offen. Fumaderm [das Mittel gegen Schuppenflechte] ist mit drei Euro pro Tablette deutlich teurer, als der billige Ausgangsstoff erwarten lässt. Behandelte man damit einen MS-Patienten, käme man auf 4.400 Euro im Jahr. Die »neue« Substanz, befürchten Fachleute, könnte als MS-Mittel womöglich ähnlich viel kosten wie Interferon – 15.000 Euro pro Jahr.“

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Multiple Sklerose ist eine schwere, zum Teil in Schüben fortschreitende neurologische Erkrankung. Wir sehen keine Hinweise auf Krankheitsübertreibung. Hätten aber einen Hinweis sinnvoll gefunden, aus dem hervor geht wie häufig typischerweise Patienten diese Schübe erleben (bei den Probanden der Studie sind es in der Regel ein bis zwei Schübe pro Jahr).

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Die Multiple Sklerose ist eine schwere Krankheit, die behandelbar, aber nicht heilbar ist. Wichtige Fortschritte bei der Medikamentenentwicklung für eine solche Erkrankung, die oft bereits Frauen mittleren Alters betrifft, sind sicher ein relevantes Thema. Warum der Bericht allerdings gerade jetzt in einer tagesaktuellen (!) Nachrichtensendung erscheint (Zitat Anmoderation: „So fanden jetzt Forscher heraus …“), ist nicht erkennbar, zumal es sich um eine stark gekürzte Version eines Beitrags handelt, der bereits eine Woche zuvor in der Gesundheitssendung Visite ausgestrahlt wurde (tagesthemen-Beitrag 1:30 Min., Visite-Beitrag 5:30 Min.). Eine dritte Version (Länge: 2:30 Min.) wurde im ARD-Mittagsmagazin am Tag des tagesthemen-Beitrags gezeigt. Es gibt keine tages- bzw. wochenaktuelle Veröffentlichung zum Thema. Die vorgestellten Ergebnisse wurden bereits im Oktober 2011 in einem Fachartikel bzw. in zwei Konferenzbeiträgen veröffentlicht. Die Ergebnisse der Konferenzbeiträge (Ergebnisse der DEFINE-Studie) sind nach unserer Kenntnis aber noch gar nicht als Fachartikel veröffentlicht. Das Mittel ist zudem noch nicht zugelassen. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Diese im Vergleich zum Ursprungsbeitrag stark gekürzte Version ist zwar klar strukturiert, und teilweise gut verständlich, da zum Beispiel im Sprechertext kurze, einfache Sätze verwendet werden und Fremdworte gemieden werden. Die Darstellung der Patientin verdeutlicht Zuschauern zudem, was es bedeuten kann, an MS zu leiden. Die Erklärung zur Rolle der dendritischen Zellen und des Einflusses der Furmarsäure auf diese Zellen wird indes nur teilweise gut nachvollziehbar erklärt. In der begleitenden Animation dürfte nicht jedem Zuschauer klar werden, welche Zellen überhaupt die dendritischen Zellen sind, und somit dürfte die Sequenz eher Verwirrung stiften als den Vorgang erklären. Der gesamte Abschnitt über den Mechanismus dieser Zellen erscheint zudem für einen Nachrichtenbeitrag sehr ausführlich, was auf Kosten anderer wichtiger Informationen zur Therapie geht.

Manche Aspekte lassen Zuschauer zudem mit Fragen zurück. So spricht etwa einer der Mediziner von „bis zu 90 Prozent weniger neue Entzündungsherde, die im Kernspintomogramm gemessen werden“. Warum betont wird, dass es um Entzündungsherde geht, „die im Kerspintomogramm gemessen werden“, bleibt offen. Fachjargon wie „Studienendpunkte“ sollte in auch in einem so kurzen Beitrag erklärt werden.

Der Beitrag insgesamt ist im Duktus durchweg positiv, obwohl das Medikament noch gar nicht zugelassen ist oder die Ergebnisse zur Wirksamkeit in einem Fachartikel publiziert wurden. In der Langfassung des Beitrags im Gesundheitsmagazin finden sich hingegen einschränkende Aussagen, zum Beispiel nach dem positiven Bericht der Patientin. So heißt es dort: „Nicht bei allen MS-Patienten wirkt die neue Behandlung gleich gut (…)“. Solche einschränkenden Hinweise fehlen in dem gekürzten Nachrichtenbeitrag. Alles in allem werten wir daher knapp „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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