Die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung mit Ultraschall und einem Tumormarker auf Eierstockkrebs bringt keine Vorteile, lautet das Ergebnis einer neuen Studie. Der Beitrag darüber verdeutlicht dies, und zeigt, wie schwerwiegend Fehldiagnosen bei solchen Tests sein können. Einige Informationen kommen indes zu kurz.
Zusammenfassung
In einer großen Studie untersuchten US-Mediziner die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung auf Eierstockkrebs (Screening mit Ultraschall und dem Tumormarker „CA 125“). Im Vergleich zu einer Gruppe von Frauen, die nicht an dem Screening teilnahmen, sorgte die Untersuchung nicht dafür, dass die Frauen im Durchschnitt länger lebten. Stattdessen wurden viele Frauen unnötig verunsichert und operiert, was auch zeigt, wie schwerwiegend das Thema Fehldiagnosen bei solchen Tests sein kann. Beides wird in diesem Artikel deutlich. Positiv finden wir auch, dass ein weiterer Experte hinzugezogen wird und der Text – zumindest im Ansatz – vermittelt, dass die Ergebnisse auf einer aussagekräftigen Untersuchung fußen.
Keine Informationen liefert der Beitrag hingegen dazu, ob dieses Vorsorgeverfahren überhaupt in Deutschland zum Einsatz kommt, was es kostet und, ob es Alternativen dazu gibt. All das sind Informationen, die man bei den meisten Lesern wahrscheinlich nicht voraussetzen kann. Übertrieben finden wir die Überschrift, die pauschal vom „Schiffbruch für die Krebsmedizin“ spricht, obwohl es im Artikel nur um ein bzw. zwei Vorsorgeverfahren geht (Nachtrag: Dieser Titel findet sich nur in der von uns begutachteten Printausgabe, er wurde in der Onlineversion des Textes geändert in “Schiffbruch für ein Screeningverfahren”).
1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.
Es wird klar beschrieben, dass ein tatsächlicher Nutzen für das vorgestellte Screening-Verfahren (Ultraschall plus Tumormarker CA 125) nicht nachgewiesen werden konnte. Es wird zwar deutlich (anschaulich in natürlichen Häufigkeiten dargestellt), dass in der Screeninggruppe mehr Krebsfälle aufgespürt wurden („(…) entdeckten sie im Verlauf von rund dreizehn Jahren bei 212 der regelmäßig untersuchten Probandinnen und bei 176 der anderen Teilnehmerinnen ein Ovarialkarzinom.“). Zugleich wird aber auch erklärt, dass eine höhere Anzahl entdeckter Erkrankungen in der Screening-Gruppe nicht zu einem Überlebensvorteil in dieser Gruppe führte. ( „(…) weshalb die Sterblichkeit der Betroffenen nicht zurückging. So erlagen in beiden Kollektiven rund 55 Prozent der Erkrankten den Folgen ihres fortgeschrittenen Krebsleidens.“)
2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.
Es wird deutlich, dass das Screening auf Eierstockkrebs mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein kann, die durch falsche Testergebnisse entstehen – ein Problem, dem bei Berichten über diagnostische Test häufig zu wenig Beachtung geschenkt wird (Zitat: wurde „(…) bei knapp 3300 und damit einem erheblichen Anteil der untersuchten Frauen irrtümlicherweise ein Ovarialkarzinom diagnostiziert. Ein Drittel dieser unnötigerweise alarmierten Probandinnen unterzog sich daraufhin einem diagnostischen Eingriff, der bei fünfzehn Prozent von ihnen größere Komplikationen etwa Blutungen, Infektionen, Darmverletzungen und Blutverluste hervorrief.“)
Anschaulicher wäre es indes gewesen, wenn die Zahl der Frauen mit solchen Komplikationen nicht nur als Prozentsatz, sondern als natürliche Zahlen (163 Patientinnen) und damit die tatsächliche Häufigkeit genannt worden wäre.
Wie drastisch die Fehldiagnosen für manche Frauen sind, verdeutlicht zudem folgendes Ergebnis, das im Artikel allerdings nicht auftaucht: Mehr als 350 Frauen in der Screening-Gruppe wurden aufgrund eines falsch-positiven Befundes die Eierstöcke entfernt, obwohl sie nicht an Krebs erkrankt waren.
3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.
Das Design der Studie wird kurz (Vergleich zweier Gruppen mit und ohne jährliches Screening), als „große amerikanische Langzeitstudie“ vorgestellt. Das vermittelt zumindest im Ansatz, dass es sich um eine Untersuchung mit großer Aussagekraft handelt, auch wenn die Qualität der Studie nicht ausdrücklich erläutert wird. Von daher werten wir knapp erfüllt. Für Leser wären womöglich aber noch einige deutliche Hinweis sinnvoll gewesen, die die Qualität der Untersuchung klarer unterstreichen.
Teilweise erwecken die Angaben auch einen falschen Eindruck: Im Artikel wird nur die Gesamtstudiendauer (inkl. der Folgeuntersuchungen („Follow up“)) von 13 Jahren erwähnt. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, das Screening sei ebenfalls so lange durchgeführt worden. Tatsächlich wurde die Ultraschalluntersuchung einmal jährlich über vier Jahre hin vorgenommen, die CA 125 -Bestimmung über 6 Jahre einmal jährlich.
Es heißt auch, es hätten 78.000 Frauen an der Studie teilgenommen. Damit wurde die Studie zwar ursprünglich begonnen, es flossen aber nur die Ergebnisse von 68.000 Frauen in die Analyse ein.
4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.
In diesem Fall werten wir nur knapp erfüllt. Es wird zwar ein nicht an der Studie beteiligter Experte befragt und auch kurz auf eine weitere Studie verwiesen. Der zitierte Experte (Bildungsforscher Gerd Gigerenzer) äußert sich aber gar nicht konkret zur Studie, sondern zum generellen Problem der „falsch positiven Befunde“ (Fehlalarme). Dabei lenkt er das Thema vom Eierstockkrebs-Screening weg auf das Mammografie-Screening – und das dortige Problem der falsch positiven Befunde. So wichtig dieser zweite Aspekt auch ist, hätten wir in diesem Fall eine konkrete Einschätzung zur Studie durch diesen Experten und/oder vor allem durch einen deutschen Onkologen für sinnvoller gehalten.
Der Punkt Interessenkonflikte wird nicht thematisiert, erscheint uns in diesem Fall aber auch keine überragende Bedeutung zu haben.
5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.
Der Artikel geht über die englischsprachige Pressemitteilung hinaus, wie etwa die Zitate des deutschen Experten belegen. Zudem wird – wenngleich sehr knapp – auf eine weitere Studie verwiesen. Die Aussagen zur vorgestellten Screening-Studie stammen allerdings aus der Pressemitteilung, hier wäre ein Blick in die Originalstudie (z.B. bezüglich der Zahl der tatsächlich einbezogenen Frauen) sinnvoll gewesen. Alles in allem aber: erfüllt.
7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Dieser Punkt wird nicht explizit thematisiert. Es wird aufgrund des Studiendesigns zwar klar, dass eine Alternative zum Screening die Nicht-Teilnahme ist. Ob es aber derzeit andere Methoden gibt oder nicht, mit denen man vorsorglich auf Eierstockkrebs untersucht werden kann, wird nicht erklärt. Von daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.
8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.
Zu der Frage, ob die Methode verfügbar ist, gibt es keine Angaben. Bei der Ultraschalluntersuchung kann man zwar davon ausgehen, dass deren Verfügbarkeit allgemein bekannt ist. Ob aber explizit diese Kombination aus Ultraschall und Tumormarker CA 125 in Deutschland eingesetzt wird oder wie weit sie hierzulande verbreitet ist, wird nicht erklärt. Auf die Situation in Deutschland wird überhaupt nicht eingegangen. Das Wissen wird offenbar vorausgesetzt.
2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).
Der Beitrag ist einerseits routiniert geschrieben, erscheint uns aber vor allem für Leser ohne Vorkenntnisse nur teilweise flüssig lesbar. Es gibt zahlreiche Begriffe, die eher Fachjargon sind als Teil einer allgemeinverständlichen Darstellung des – zugegebenermaßen komplexen – Themas. Beispiele für nicht erklärte Begriffe sind etwa: Screening, Tumormarker, Ovarialkarzinom, „falsch positive Befunde“.
Auch bei der Strukturierung des Beitrags gibt es Schwächen: So befasst ich der vierte Absatz mit unnötigen Eingriffen aufgrund einer fälschlicherweise diagnostizierten Krebserkrankung. Nach zwei Absätzen, die sich mit anderen Punkten befassen, kommt erneut der Aspekt „das falsch-positive Ergebnisse alles andere als trivial sind“. Hier fehlt uns ein wenig der rote Faden.
Unpassend finden wir zudem die Überschrift: Angesichts der negativen Beurteilung eines spezifischen Screening-Verfahrens gleich vom „Schiffbruch für die Krebsmedizin“ zu sprechen, halten wir für übertrieben. (Nachtrag: Dieser Titel findet sich nur in der von uns begutachteten Printausgabe, er wurde in der Onlineversion des Textes geändert in “Schiffbruch für ein Screeningverfahren”).
Auch der Schwenk gegen Ende des Textes weg von der Studie hin zum Thema „falsche Diagnosen beim Mammografie-Screening“ halten wir für wenig zielführend. Dieser Teil wirkt wenig differenziert und an den Artikel angehängt.
Hinzu kommen Stellen wie die Folgende: So heißt es, dass 3300 mal „irrtümlicherweise ein Ovarialkarzinom diagnostiziert“ wurde. Das ist ungenau, da ein Befund (also die Beschreibung des Krankheitszustandes anhand verschiedener Parameter durch dem Arzt) noch keine Diagnose (die festgestellte Erkrankung) ist und dies auch den Patientinnen so kommuniziert wird.
Alles in allem werten wir daher dieses Kriterium als „nicht erfüllt“.
Kriterium erfüllt |
Kriterium nicht erfüllt |
Kriterium nicht anwendbar

